Es ist bekannt, dass das lateinische Schuldrama von Anfang an eine starke musikalische Komponente hatte.
Schon zu Reuchlins "Henno" (1497) haben wir Chorlieder mit Noten; in Schuldramen des 18. Jahrhunderts, wie Mozarts
"Apollo et Hyacinthus" (1767), liegen schließlich durchkomponierte lateinische Opern vor. Dabei hat man längst
beobachtet, dass die Texte zu den Musikpartien der Dramen, anders als die Sprechtexte, zunehmend den metrischen
Charakter verlieren, "rhythmisch" werden. Meine These ist, dass dies nicht auf einem Wandel im dichterischen Geschmack
oder im metrischen Unterricht beruht, sondern musikgeschichtliche Gründe hat. Während man nämlich bis zum Anfang des
17. Jahrhunderts metrische Lyrik, insbesondere die Versmaße des Horaz, in Art der vor allem von Celtis initiierten
Humanistenode metrisch exakt wiedergeben konnte, indem jeweils die lange Silbe den doppelten Notenwert der kurzen
bekam, war dies nicht mehr möglich, als von ungefähr 1600 an in der europäischen Musik das Taktsystem siegreichen
Einzug hielt. Mit Ausnahme etwa der Anapäste widersetzten sich ja diese Versmaße dem durch die Taktregelung geforderten
Prinzip der Isochronie: Ein Sapphicus z. B. (-v---vv-v-x) lässt sich nur unter Vernachlässigung der Prosodie (wie
in "Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen? -vv--vvvv-v) auf isochrone Takte bringen. So opferte man die Metrik
dem gewandelten Musikgeschmack - bis der sich im 18. Jahrhundert allmählich durchsetzende, den Silbenquantitäten
abholde "Iktus" den Komponisten neue Möglichkeiten eröffnete. Das absterbende lateinische Schuldrama konnte davon
wohl nicht mehr profitieren.
Wilfried Stroh: "Der deutsche Vers und die Lateinschule", Antike und Abendland 25, 1979, 1-19
Manfred Hermann Schmid: "Musica theorica, practica und poetica. Zu Horaz-Vertonungen des deutschen
Humanismus", in: Zeitgenosse Horaz [...], 1996, 52-67
Fidel Rädle: "Musik und Musiker auf der Bühne des frühen Jesuitentheaters", in: Musikalische Quellen - Quellen zur
Musikgeschichte (FS Martin Staehelin), 2002, 187-202
Franz Körndle: "Die Chöre in Jacob Bidermanns ,Cenodoxus'", in: Jakob Bidermann und sein "Cenodoxus",
2005, 119-128 (nebst weiteren Arbeiten)
Volker Janning: Der Chor im neulateinischen Drama, 2005, 75-81